Stress adé ! Der Ball ist in Ihrer Hand.
- Michaela Perteneder
- 4. Okt. 2023
- 6 Min. Lesezeit

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat beruflich bedingten Stress zu einer der größten Gefahren des heutigen Zeitalters erklärt. Sie konstatiert, dass schon in naher Zukunft psychische Belastungen die Hauptursache von Krankheit sind. Stress ist zu einem Massenphänomen geworden. Er trägt zur geistigen und seelischen Gesundheitskrise des 21. Jahrhunderts bei.
„Ich bin gestresst“ – mögen wir mehrmals am Tag hören oder selbst ausrufen. Bemerkenswert ist, obwohl das Wort Stress Teil der Alltagssprache ist, dass trotz der weitläufigen Präsenz dieses Begriffes und umfassenden wissenschaftlichen Forschung auf diesem Gebiet, sich nach wie vor keine allgemein anerkannte Definition des Wörtchen Stress etablieren konnte.
Der Begriff Stress entstammt dem Lateinischen „strinctum“. Übersetzt bedeutet dies so viel wie Druck oder Anspannung. Grundsätzlich bezeichnet Stress die Reaktion eines Organismus auf einen Reiz oder eine Belastung, die zu erhöhten Anforderungen führt, mit welchen der Organismus entsprechend seiner Ressourcen umgeht. Dabei ist die Reaktion auf diese stressauslösenden Anforderungen sehr individuell. Die gefühlte Belastung durch diese Anforderungen ist von Person zu Person unterschiedlich. Der Umgang mit diesen Belastungen wiederum ist ebenfalls individuell gesteuert. Stress ist nicht grundsätzlich negativ, auch wenn das subjektive Empfinden Stress als negativ konnotiert. Stress kann sowohl positiv als auch negativ auf den Organismus wirken. Stress im positiven Sinne ist sogar lebenswichtig, denn solange Stress positiv wirkt, werden wir motiviert und zu Höchstleistung angetrieben. Erst wenn Eu- zu Dis-Stress wird, zu unserem ständigen Begleiter mutiert, führt er zur Krise und manifestiert sich in körperlichen und geistigen gesundheitlichen Belastungen. Das Entstehen von jedweden Achtsamkeits-Apps, Tik-Tok Entspannungsvideos, Instagram und Twitter Posts, die Flut an eBooks und online Webinaren zum Thema lässt erahnen und begreifen, dass Stress und stressbedingte Krankheiten allgegenwärtig sind. Doch kann die Stressbewältigung nicht einfach mit Hilfe neuester Errungenschaften wegdigitalisiert werden.
Das Stressempfinden, die Stressreaktion und die Stressbewältigung sind und bleiben analog, sind individuell unterschiedlich und werden sehr spezifisch, subjektiv wahrgenommen. Im Umgang mit Stress spielen sowohl genetische Präpositionen, gemachte Erfahrungen, globale Umwelteinflüsse und letztendlich die eigene Bewertung und der persönliche Umgang mit Stressoren eine Rolle. Mögen die Erbanlagen und äußeren Faktoren auch wenig vorteilhaft sein, so liegt es an uns selbst, Wege zu finden, um Eu- und Dis-Stress in Balance zu halten - ganz gemäß nach Aristoteles: „Sich selbst zu kennen ist der Anfang aller Weisheit.“ Die gute Nachricht dabei ist, dass unsere Gedanken, Gefühle und Handlungen, wenn wir sie uns bewusst machen, formbar sind. Dies gibt Hoffnung dem Stress somit sehr wohl „adé“ winken können.
Im beruflichen Umfeld sind es heutzutage vorwiegend die anhaltende Arbeitsverdichtung und Komplexität der Aufgaben, der steigende Erfolgsdruck, die Beschleunigung der Arbeit durch die Digitalisierung und der neuen Technologien, der gesteigerte Termindruck, Rollenparadoxien in Sandwichpositionen, ein Muss an ständiger Erreichbarkeit und einfach ein Mangel an Ausgleichsmöglichkeiten, des Weiteren lange Arbeitszeiten, häufige Arbeitsunterbrechungen und rasante stetige Veränderungen, welche uns im Meer des Stresses untergehen lassen. Die Palette der möglichen Einflussfaktoren ist beinahe unendlich, wenn man noch Stressoren aus dem privaten und sozialen Bereichen hinzufügt. All dies wirkt auf das Stressempfinden und zeigt sich anfangs in Müdigkeit, Mattigkeit und Überlastung, in Kopf- und Rückenschmerzen oder Magenverstimmungen. Diese körperlichen Vorboten psychischer Belastungsüberschreitungen können im schlimmsten Fall in Burnout münden. Das Burnout-Syndrom, also die vollkommene emotionale Erschöpfung, ist zu einer Volkskrankheit geworden. Und viele merken zu spät, dass sie selbst betroffen sind. Dabei ist es nicht punktueller Stress, sondern andauernder, chronischer Stress, welcher die körperliche und seelische Gesundheit langfristig negativ unterwandert.
Fakt ist, wir haben nicht die Macht auf alle Gegebenheiten Einfluss zu nehmen. Es gibt jedoch einen Bereich, auch wenn dieser einen lediglich kleinen Teil darstellt, in dem wir willentlich gestalten und Wege beschreiten können, um gegenzusteuern und eine Dis/Eu-Stress Trendwende herbeizuführen. Der sogenannte „Circle of Influence“ ist jener kleine Bereich, der persönlich beeinflussbar bleibt. Innerhalb dieser Einflusszone haben wir Möglichkeiten, unsere eigene stressfreie Zone zu gestalten, Resilienz zu fördern und nachhaltig gesund zu bleiben. Stress entsteht im Kopf. Stressreaktionen sind ein psychisch subjektiv bewerteter Zustand, der sich körperlich manifestiert. Das Gute darin ist, wir haben den Fluss der eigenen Gedanken in unserer Hand. Es bleibt uns überlassen, welche Gedanken, Gefühle und Handlungen wir in den Gesundheitskoffer packen. Wir können demnach selbst bestimmen, wohin unsere Kopfreise gehen soll.
Das Unternehmen „ICH®“: Vision-Mission-Strategien
Die Vision
Um zu wissen, wohin diese Kopfreise führen soll, benötigt das Unternehmen „ICH®“ eine inspirierende Gesundheitsvision, eine motivierende Mission und tatkräftige Strategien, um der zuschnappenden Falle des Dis-Stress zu entkommen. Das Trio - Vision, Mission und Strategie - ist grundsätzlich ein wichtiger Teil jeder Unternehmensführung. Die Definitionen, Interpretationen und Abgrenzungen zwischen Vision, Mission und Co können sicher wissenschaftlich umfassend diskutiert werden. Pragmatismus reicht hier für das Unternehmen „ICH®“. Die Vision beschreibt das „Warum“ und gibt die Richtung an, fungiert als Diener für unsere Orientierung und ist zukunftsweisend. Die Mission definiert das „Wie“, schaut auf unsere Werte und orientiert sich an der Gegenwart und die Strategien letztendlich sind die Werkzeuge, die uns helfen das „Was“ zu formulieren, damit wir unsere Vision erreichen.
Was bedarf es nun, um das Unternehmen „ICH®“ gesundheitlich und psychisch lukrativ zu führen? Als Leitidee fungiert die Vision. Sie ist unser angestrebtes, langfristiges Ziel - kongruent mit unserer eigenen Identität. Fragen sind dabei ein machtvolles Instrument und können uns helfen eine gute Vision zu entwickeln. Welches Problem wollen wir lösen? Welchen Nutzen wollen wir für uns generieren? Welchen Missstand wollen wir bekämpfen? Wie schaffen wir es, unseren Stresspegel in Balance zu halten? Es stellt sich auch die Frage, welchen zukünftigen Zustand wollen wir anpeilen. Wie könnte diese Ich-Vision aussehen? Was ist unser Sinn, unser Ikigai und was streben wir an, um stressfrei in Einklang mit unseren innersten Werten zu leben? Die Vision könnte beispielsweise heißen: „Stress adé“. Um diese Vision klar zu spezifizieren, können wir uns fragen, was wäre denn der optimale Zustand? Was würde für mich „Stress adé“ bedeuten? Fragen regen zum Denken an und helfen uns klar zu sehen.
Ein praktisches Beispiel
Woran würde ich erkennen, dass sich meine Vision erfüllt hat? Hier ein praktisches Beispiel: Auf der Ebene der körperlichen Gesundheit wäre dies optimalerweise das Freisein von stressbedingten Krankheiten oder Einschränkungen, wie beispielsweise Kopfschmerzen oder Migräne. Der Rücken und Nacken wären entspannt und würden nicht schmerzen. Der durch Stress angespannte Blutdruck würde sich im Normalbereich bewegen. Oder auch chronische, arbeitsbedingte Krankheiten, die sich schleichend manifestierten, wären verflogen. Das ständige Gefühl an Müdigkeit, Mattheit und Antriebslosigkeit würde sich verflüchtigen. Auf der psychischen Ebene wäre der Gehirnstress reduziert, die kreisenden Gedanken, bereits morgens nach dem Aufstehen über volle Terminkalender und Abgabefristen oder ein zu hohes Tagesarbeitspensum wären in Luft aufgelöst. Während des Tages im Berufsalltag würde der Körper entspannt bleiben und das Gefühl gestresst zu sein, könnte sich nicht ausbreiten. Wir wären in einem Wohlsein-Zustand im Einklang mit unserem Ikigai. Abends wäre das Einschlafen kein Thema, das Durchschlafen ein Genuss und das morgendliche Augenöffnen eine Freude. Der Zeitgewinn wäre enorm: keine anstehenden Arztbesuche, weniger Krankenstände und ein andauerndes Empfinden von Entspannung. Hier sei darauf, hingewiesen, dass ein stressfreies Leben kein Garant für Gesundheit ist und von jedweden Gesundheitsratschlägen hier Abstand genommen wird, dies obliegt ausschließlich ärztlichen Fachexperten. Doch ist es wohl einen Versuch wert, es einfach auszuprobieren, denn es ist wissenschaftlich fundiert bewiesen, dass Überlastung zu Stress führt, und dieser sich durch die vorab angeführten Beschwerden äußern kann.
Die Mission und Strategien
Um eine Vision zu manifestieren, wird das Werkzeug der Mission benötigt. Das wären unsere Werte, Grundsätze und Einstellungen, die unser Dasein prägen. Es sind unsere eigenen Prinzipien, nach denen wir leben. Um die Vision in Einklang mit unserer Mission zu erreichen, bedarf es schlussendlich an klar konzipierten Wegen und passenden Initiativen. Um entsprechende Eu-Stress-Strategien zu entwickeln, die uns die Vision erreichen lassen, empfiehlt sich eine Bestandaufnahme im Sinnes eines Soll-Ist Vergleiches. Die Differenz zwischen dem zukünftigen Wunschzustand und dem heutigen Gegenwartszustand lässt uns Lücken erkennen. Das Aufdecken dieser Differenzen erlaubt uns entsprechende Maßnahmen zu setzen, und mit passenden strategischen Werkzeugen die Lücken zu schließen. Ein Meer von an uns selbst gerichteten Fragen schafft durch generierte Antworten Klarheit: Wie bewerte ich stressige Situationen und welche Gefühle lösen diese aus? Wie resilient bin ich, also wie sehr belastet mich grundsätzlich Stress? Habe ich bereits gesundheitliche Auswirkungen? Wie geht es meiner Psyche im Umgang mit Stress? Welche weniger gesunden Gewohnheiten habe ich mir angeeignet, um Stress zu bewältigen? Agiere ich präventiv oder reaktiv in Bezug auf Stress? … Je klarer das Bild ist, desto einfacher wird es geeignete Strategien zu entwerfen, um die Vision „Stress adé“ zu erreichen.
Auch wenn wir nicht alle Fäden selbst ziehen können, Bereiche unbeeinflussbar bleiben, so können wir jedoch in dem uns zur Verfügung stehenden Einflussbereich sehr wohl entsprechende Handlungen und Vorhaben umsetzen. Vor allem wenn es um den psychischen Aspekt geht, denn Stress entsteht im Kopf. Es sind unsere Gehirnmuskeln, die ein gesundes Training benötigen, um resistenter zu werden und den Teufel Stress zu besiegen. Es sind unsere hauseigenen Gedanken, Gefühle und Handlungen, die im Falle von stressauslösenden Gegebenheiten, Stress entstehen lassen. Sich Gedanken, Gefühlen und Handlungen bewusst machen schafft Klarheit im Kopf. Mit Klarheit können Gegenmaßnahmen, Schritt für Schritt ergriffen werden, welche uns helfen unsere gedanklichen und aktiven Gewohnheiten zu ändern.
Es mag nicht einfach sein, die richtige Balance zwischen positiven und negativen Stress zu finden. Eine „Stress adé“ Vision und Mission sowie resiliente Strategien für das Unternehmen „ICH®“ zu entwerfen, ist allemal einen Versuch wert.
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