Das Selbstcoaching Enigma: Fragen, Fragen, Fragen
- Michaela Perteneder
- 26. Dez. 2023
- 8 Min. Lesezeit
Wohin? Wozu? Warum? Wieso? Wie? Wobei? Worin? Woran? Wodurch? Wer? Weshalb? Wogegen? Wessen? Wann? Was? Weswegen? Womit? Welche? Wem oder Wen? Worauf?

Wohin führt mich mein destruktives Verhalten? Wozu mache ich mir unentwegt Sorgen? Warum belastet mich dies immerfort? Woran denke ich ständig? Wodurch kann ich geistige Blockaden lösen? Wer aus meinem Netzwerk unterstützt mich nachhaltig? Weshalb fühle ich mich anhaltend ausgepowert und atemlos? Wessen Bedürfnissen folge ich, meinen oder anderen? Woher kommen meine endlosen Gedankenspiralen, die mich nachts nicht schlafen lassen? Wogegen kämpfe ich fortdauernd an, ohne dabei vorwärtszu-schreiten? Wie könnte eine „aha“-Moment Lösung aussehen? Wobei bin ich im Flow, entspannt und begeistert? Worin liegen meine kraftschenkenden Stärken? …
Das Meer möglicher Frageworte und Fragen ist unerschöpflich. Das Fragenmeer generiert Wellen von Antworten. Somit wird ein Tsunami an möglichen Lösungswegen ausgelöst, welcher es ermöglicht, aus Untiefen und Strudel zu entkommen. Wer fragt gewinnt Einblick. Wer fragt schafft Bewegung. Wer fragt findet Lösungen.
Selbstcoaching ist das Enigma, also eine einfache Aufgabe in Form einer Frage, die durch Nachdenken zu lösen ist. Um Durchzustarten, lohnt es sich, Fragen aufzubereiten oder sich Frage-Techniken oder Werkzeuge aus dem Coaching oder der Therapie anzueignen.
Das Johari-Fenster, beispielsweise, ist eine simple 4-Felder-Matrix und ermöglicht die Unterschiede zwischen Fremd- und Selbstwahrnehmung deutlich zu machen und unterstützt unbewusste Verhaltensweisen und Gegebenheiten aufzudecken, an die Oberfläche zu befördern und Zusammenhänge zu verdeutlichen, denn mithilfe dieser Matrix wird aufgezeigt, was und selbst oder anderen bekannt oder unbekannt ist.

Das erste Feld umfasst den sogenannten „öffentlichen Bereich“, jener Teil, der allen offensichtlich und wohl bekannt ist, wie beispielsweise unsere Arbeitsaufgabe. Das zweite Feld, das „persönliche Geheimnis -privat“, ist, wie der Name schon verdeutlicht, jener Part, welcher uns selbst bekannt, jedoch anderen unbekannt ist, wie beispielsweise Lampenfieber bei Vorträgen und Präsentationen. Der „blinde Fleck“, der dritte Teil des Quadrats, bleibt uns selbst verborgen ist anderen jedoch schon bekannt. Dies sind beispielsweise unsere Macken, die Freunde gut kennen, uns selbst jedoch nicht offensichtlich bewusst sind. Und letztendlich der „unbekannte Bereich“, der vierte Teil, welcher für andere und uns selbst im Verborgenen liegt.
Fragen sind hierbei ein sehr einfaches Hilfsinstrumentarium, um die blinden Flecken und unbekannten Bereichen aufzudecken. Dadurch können einerseits Stärken und Potenziale und andererseits auch Einschränkungen und nicht förderliche Glaubenssätze transparent gemacht werden. Transparenz schafft Klarheit. Diese Einsicht kann genutzt werden, um Stufe für Stufe Lösungen zu eruieren, hinderliche Verhaltensweisen oder negativen Emotionen entgegenzu-wirken. Fragen an das „Selbst“ gerichtet geben somit einen wertvollen 360° Einblick in unsere unbekannten Beweggründe. Durch Reflektion können wir unser tägliches Verhalten und unsere Begleitemotionen besser verstehen. Entwickelte Antworten helfen dabei aufzuklären. Durch ein geschaffenes Verständnis ist es folglich möglich auf die Lösungssuche zu gehen. Wichtig ist dabei, dass generierten Lösungswege priorisiert werden. Es bedarf an einer Entscheidung, welcher der kreierten Lösungspfade einzuschlagen ist, um sich erfolgreich neu zu orientieren Hindernisse zu überspringen und Veränderung zu ermöglichen.
Fragen sind die Essenz, der Schlüssel zu den Tiefen des ICHs und ermöglichen ungedachte Gedanken zu denken. Um ein anhaltendes zerrendes Dauerproblem oder eine schwierige belastende Situation zu analysieren und mögliche Lösungswege zu erdenken, helfen jedwede Fragen, Frage-Techniken oder Fragemethoden. Wie eingangs gelistet, sind W-Fragen ein guter Ausgangspunkt, um eine Selbst-Tiefenanalyse zu starten. Beispielsweise fühlt man sich im Arbeitsalltag seit einiger Zeit gestresst und ausgepowert. Fragen helfen dabei, den Ursachen auf den Grund zu gehen: Warum genau habe ich das Gefühl der Dauerüberlastung? Wobei übermannt mich das Gefühl der atemberaubenden Enge? Woran könnte dies ihren Ursprung haben? Worin genau bestehen meine unwohlen Emotionen. Wogegen kämpfe ich wie in einer Tretmühle ohne Erfolg an? Weshalb fühle ich mich leer gearbeitet und ausgepowert? Was genau stresst mich wirklich? Auf der Forschungs- und Entdeckungsreise sind es die Fragen, die Wege und Richtungen aufzeigen.
Ein einfacher 6-Schritte-Prozess ermöglicht ein Selbstcoaching. Das Akronym FRAGEN dient als Gedankenstütze und leitet durch den Selbstinterviewprozess. Dabei steht jeder Buchstabe für einen Prozessschritt, den es zu durchlaufen gilt:

Reflektion ermöglicht Rückschau. Um Handlungsweisen, Verhalten, Wahrnehmungen und Gefühle zu verstehen, ist das Reflektieren ein wertvolles Werkzeug. Das Nachdenken über vergangene Handlungen, oder die Gefühle, die damit verbunden waren, mag herausfordernd scheinen. Stellt man sich jedoch ganz klar die Situation noch mal vor seinem inneren Auge vor und durchläuft in Gedanken die angewandten Verhaltensweisen, gespürten Emotionen oder gewählten Worte, ermöglicht dies aufzulisten, was angemessen oder weniger angemessen erschien. Dies zeichnet ein dissoziiertes Gedankenbild und eine dingfeste Liste mit förderlichen und nicht förderlichen Verhaltensweisen, Glaubenssätzen und Gefühlen. Beispielsweise reflektiert man über eine vergangene Problem-Situation, die unangenehme Gefühle und Stress verursachte. Man spielt diese Zeit in Gedanken explizit durch und versucht dabei diese Begebenheit so objektiv wie möglich und aus verschiedenen Perspektiven und Standpunkten zu durchleuchten. Dies ebnet den Weg für Einsichten in Verhaltensweisen, Mustern und Denkstrukturen.
Antworten ebnen Lösungswege. Nach dem Aufdecken von nicht förderlichen Verhalten, Gedankengängen oder belastenden Emotionen, gilt es nun Antworten darauf zu finden. Welche Verhaltensweise wäre wünschenswert und welche Gefühle wären angepasst gewesen? Welche positiven Glaubenssätze hätten mich anders handeln lassen? Wer reagiert auf mein Verhalten in welcher Form? Seit wann wird es von mir als ein Problem definiert? Angenommen, das unangepasste Verhalten ergäbe Sinn, welcher wäre das? Die konstruktiven Antworten schaffen ein differentes Bild und zeigen auf, dass andere Verhaltensweisen, Emotionen und Denkmuster, die Problem Situation möglicherweise nicht geschaffen hätten. Dabei hilft wiederum jedwede Frage, denn Fragen sind der Zündfunke für das Meer an Antworten.
Generierung von Lösungen. Nachdem das Meer an Fragen umfassend beantwortet wurde, kann man sich nun auf den Zukunftsweg machen und eine Vielzahl an Lösungen und unbegrenzten Möglichkeiten generieren. Lösungsoptionen ermöglichen das Finden von wertvollen Verhaltensweisen und fruchtvollen Lösungsstrategien. Dieser Prozess wird wiederum durch Fragen initiiert. Wie hätte ich anders agieren können? Worin wäre eine positive Reaktion gelegen? Was hilft mir in Zukunft darauf anders zu reagieren? Woran wäre ich besser in meinem Verhalten? Wie hätte ich die negativen Emotionen vermeiden können? Welche positiven Glaubenssätze wären konstruktiver gewesen? Diese Vorausschau in Richtung Lösungsoffenheit erlaubt, das Problemdenken zu verlassen. Der Blick nach vorne motiviert, inspiriert und befreit.
Entscheidung bedarf Fokus. Es gibt unzählige Lösungsmöglichkeiten und gangbare Wege, die ausprobiert werden können. Dabei sind wohl keine als richtig oder falsch vorab einzustufen. Wichtig ist lediglich, eine Entscheidung zu treffen und sich auf eine Lösungsumsetzung zu konzentrieren, diese einzustudieren und im nächsten Schritt zu testen. Die Priorisierung hilft dabei, sich nicht in den unzählig möglichen Lösungswegen zu verstricken und auf Kurs zu bleiben. Auch wenn die getestete Lösung nicht sogleich zum gewünschten Supererfolg führt, so ermöglicht sie Klarheit, neue Einsichten und Erkenntnisse. Sie kann adaptiert oder ad acta gelegt werden, und eine anderweitige oder umgeformte Lösungsstrategie kann erneut ausprobiert und getestet werden.
Neuorientierung schafft Problem-Abstinenz. Eine neue Verhaltensweise auszuprobieren, Gedankenengpässe zu durchbrechen oder negative Glaubenssätze zu verändern, sind Schritte in eine neue Richtung. Neuorientierung hilft ausgetretene Problempfade zu verlassen, welche sich als weniger zielführend erwiesen. Dies ermöglicht eine gangbarere Richtung einzuschlagen, Dauerprobleme zu bewältigen und Dis-Stress zu überwinden. Wenn sie, wie Christoph Columbus, nach einer langen, anstrengenden Reise Neuland betreten, wie gestaltet sich die neue Uferzone? Wie sehen das Gebiet und die geschaffene Landkarte aus? Welche zukunftsweisenden Pfade können nun gegangen werden?
Letztendlich sind es Fragen, welche auch immer, die als Zündfunke für Veränderung agieren.
Fragen sind der Lösungsschlüssel zu den verborgenen Ursachen. Sie haben ein unendliches Potenzial zur Richtungsänderung, denn sie regen zum Denken, Reflektieren und Neuorientieren an. Nicht nur das Meer an Fragen, sondern auch eine Unzahl an möglichen Fragearten, wie konkretisierende Fragen, skalierende Fragen, hypothetische Fragen, zirkuläre Fragen, ressourcen- und problemorientierte Fragen oder die Wunderfrage nach Steve de Shazer, paradoxe oder Querdenker-Fragen oder Reframing-Fragen sind Frage-Techniken und -arten aus dem Bereich der Therapie und dem Coaching. Sie begleiten den Coachee oder Klienten durch den Beratungsprozess und sind somit eines der wichtigsten Instrumente für Therapeuten und Coaches. Fragen ermöglichen stets den Lernprozess anzuregen, indem sie die Selbstreflektion in eine konstruktive Bahn lenken, sie regen zu neuen Gedanken an und dienen als Motivator und Zündfunke für Veränderung. Fragen erzeugen grundsätzlich geistige oder emotionale Zustände, ermöglichen die Innenschau und haben die Kraft unbewusste Vorgänge klarer zu sehen. Fragen ermöglichen uns, unsere innere Welt besser zu verstehen und diese in jene Richtung zu lenken, in die wir gehen möchten. Sie erweitern Perspektiven, fördern neue Ansichten und generieren ungenutzte Lösungen zur Problem-Bewältigung und Veränderung.
Beispielsweise helfen zirkuläre Fragen Informationen über das eigene Denken und Verhalten aus der Perspektive anderer Systemmitglieder zu gewinnen. Dabei fragt man sich nicht selbst, sondern wird angeleitet aus der Sicht von Beteiligten Antworten zu finden. Dieses sogenannte „um die Ecke fragen“ eröffnet neue Sichtweisen und Einblicke aus unterschiedlichen Positionen. Dies ermöglicht die eigene Sichtweise zu hinterfragen. Neue Denkweisen und Standpunkte werden in Gang gesetzt und somit kann der Grundstein für Veränderung gesetzt werden.
Des Weiteren helfen skalierende Fragen zur Einschätzung des Ist-Zustandes. Sie fragen beispielsweise nach der Intensität von Empfindungen oder Gefühlen, nach Erfolg oder Misserfolg, Freude oder Frustration. Ferner ermöglichen sie den Fort- oder Rückschritt zu messen nach dem Testen von Lösungsstrategien. Ein Beispiel dafür wäre: Wie fühlten sie sich in dieser stressauslösenden Situationen auf einer Skala von 1 bis 10, wobei 1 für sehr unangenehm und 10 sehr gut bedeutet. Was müssten Sie tun, um auf der Skala von einer 4 auf eine 5 zu steigen? Was müsste geschehen, um eine 10 zu erreichen?
Eine etwas merkwürdige, aber sehr kraftvolle Frage-Technik ist das Anwenden paradoxer Fragen oder Querdenker-Fragen. Paradoxe Fragen zielen darauf ab, ein bestehendes Problem noch zu verstärken und sich erneut damit zu konfrontieren. Beispielsweise reagieren sie auf Stress mit Unmut, Ärger und unangepassten Verhalten Kollegen gegenüber. Paradoxe Fragen dazu könnten nun lauten: „Was ist das Gute an dem negativen unangepassten Verhalten? Angenommen das Verhalten ergäbe Sinn, welcher wäre das? Was wird durch dieses Verhalten gelöst oder verhindert? Wie hoch ist der Preis, dieses Verhalten aufzugeben? "Wodurch können Sie besonders zuverlässig erreichen, dass das Problem nicht gelöst, das Ziel nicht erreicht wird? Welche Ressourcen müssen Sie auf jeden Fall verleugnen, nicht benutzen, um das Problem sicher nicht zu lösen? Wer könnte Sie bei der Nicht-Erreichung optimal unterstützen, auf dessen Hilfe sie bisher noch verzichtet haben? Wie könnten Sie sich selbst optimal motivieren, die Problemlösung wirkungsvoll zu verhindern? Dies klingt paradox, schräg und eigenartig, regt jedoch zu Analogien und zum Gegenteil denken an. Die schwierig empfundene Situation wird auf diese Weise überspitzt dargestellt. So können häufig neue Ideen und Lösungsansätze gefunden werden. Querdenker-Fragen regen dazu an, das Gute an dem negativ empfundenen Verhalten zu betrachten. Es macht klar, dass die Verhaltensweise durch die Überspitzung einerseits eindeutig nicht zielführend ist, andererseits jedoch etwas Gutes an diesem Verhalten liegt, im Sinne einer angewandten Bewältigungsstrategie.
Selbstcoaching ist möglich! Auch wenn es an Disziplin und Konsequenz bedarf! Die Vorteile des Selbstcoachings liegen auf der Hand. Es ist kostenfrei. Fragen kann man sich selbst stellen. Sie können von einem selbst einfach beantwortet bzw. gelöst werden. Selbstcoaching Enigma ist zeit- und ortsungebunden und zweifelsohne ein Schritt Lösungen zu fördern und Veränderungen anzutreiben. Andererseits mangelt es jedoch an Objektivität, da man ohne Spiegel und Feedback und professioneller Unterstützung leicht in die Subjektivität abschweift. Die ausgewählten Fragen und ihre Antworten sind mit der eigenen Sichtweise gefärbt. Eine Voreingenommenheit ist kaum zu überbrücken. Es mangelt an konstruktivem Feedback durch einen Coach, welches dabei hilft, klarer zu sehen und in eine richtigere Richtung zu schreiten und letztendlich rascher die Ziele der angestrebten Veränderung zu erreichen. Es mangelt an geschulter Anleitung und bedarf an großer Disziplin auch dranzubleiben. Ein Mittelweg könnte eine Mix-Strategie sein. Die ersten Schritte geht man am besten mit der Begleitung eines Coaches. Dabei erhält man Einblick nicht nur in die eigenen problembehafteten Themenfelder, sondern auch in die Art und Weise der Frage-Techniken. Für die ersten Hürden liefert oft ein Coach rasch Abhilfe, da dieser professionell durch den Prozess führt. Ein Coach ermöglicht die Denkprozesse in Gang zu setzen, bei denen der Klient und Coachee vorwiegend von sich selbst lernen kann. Ein Coach spiegelt, stellt anregende Fragen, fordert heraus, ermöglicht eine raschere und objektive Problem-Analyse und Lösungsoptionen, um die gewünschte Veränderung herbeizuführen.
Selbstcoaching oder Fremdcoaching oder doch eine Kombination? Die Antwort auf diese Frage bleibt nun jeden selbst überlassen.
Comments